Dachbodenerinnerungen: Heute vor 70 Jahren

Heute ist ein ganz besonderer Tag. Heute vor 70 Jahren haben zwei meiner Lieblingsmenschen geheiratet. Und das war nicht unbedingt gute Zeiten um zu heiraten. Und die Hochzeit und alles was damit verbunden ist, war alles andere als romantisch.
Der Bräutigam befand sich zum damaligen Zeit an der Front und die Braut zu hause bei ihrer Mutter.
Urlaub war damals undenkbar. Den bekamen Männer nur wenn sie heiraten wollte. Und das muss wohl Dreh- und Angelpunkt in einem der Briefe der damals noch nicht Brautleute gewesen sein. Um es kurz zu machen schrieb die Braut dem Bräutigam: Reiche Urlaub ein wir wollen heiraten.

Hochzeitsfotos

Na das ist doch mal ein (nicht)Antrag und auch noch von der Braut. Wie unromantisch wird der eine oder andere sagen. So waren eben die Zeiten damals.


Und wer jetzt eine Hochzeit, so wie viele sie heute feiern, mit Kleid, Torte, Geschenke, Blumen, Gäste, Musik und Hochzeitsreise erwartet der irrt sich.
Der Bräutigam bekam damals sieben Tage Fronturlaub. Nicht unbedingt viel um eine Hochzeit vorzubereiten. Die Vorbereitung blieben eh an der Braut hängen. Und deren Gedanken drehten sich nicht um Kleid oder Einladungskarten und Gästeliste. Sie war mehr damit beschäftigt alle Urkunden aufzutreiben um den den Nachweis zu erbringen das ihr Bräutigam und sie selbst arisch sind. Denn wenn nur ein Jude im Stammbaum zu finden wäre, dann hätten die beiden nicht heiraten dürfen. Was für schreckliche Zeiten. Statt Hochzeitsvorbereitungen musste man einen Stammbaum aufstellen.


Die beiden haben dann geheiratet. Im ganz kleinen Kreis. Nur das Brautpaar, die Brautmutter und der jüngste Bruder der Braut waren anwesend. Ein weißes Kleid bei der Braut? Fehlanzeige. Sie trug ein schlichtes Kostüm und der Bräutigam seine Uniform. Geld und Zeit um ein Brautkleid zu nähen war nicht da. Statt einer Hochzeitstorte gab es einen Pottkaucken (Topfkuchen). Und der Brautstrauß war aus dem Garten.
Es wurde an dem Tag nur standesamtlich geheiratet. Für mehr war keine Zeit.
Zwei Tage später musste der Bräutigam wieder zurück an die Front. Eine Hochzeitsreise gab es somit auch nie.
Seinen Sohn, der neun Monate später geboren wurde sollte er erst 1948 kennenlernen. Nachdem er aus der Kriegsgefangenschaft zurück.
Im Sommer 1949 haben die beiden dann nach der Taufe ihres zweiten Sohnes noch einmal kirchlich geheiratet.
Meine beiden Lieblingsmenschen waren 53 Jahre verheiratet bevor der Bräutigam seine Braut verließ. Nein, nein, er hat sich nicht wegen einer anderen verlassen. Er hat einfach nur die Reise über die Regenbogenbrücke angetreten. Seine Braut folgte ihm sieben Jahre später auf die gemeinsame Wolke.
Diese Ehe war nicht gerade eine Liebesheirat sondern eher eine Zweckgemeinschaft, wenn man so will. Aber es war eine lange gute Ehe in der es auch mal Streit gab. Aber man ist eben nicht gleich auseinander gerannt, wenn es mal Probleme gab sondern hat seine Probleme gelöst.
Ich hoffe das meine beiden Lieblingsmenschen heute auf ihrer Wolke glücklich sind.


Im übrigen wurden die beiden noch für ihre nicht stattgefundene Hochzeitfeier entschädigt. Beim ersten Mal 25 Jahre nach ihrer Hochzeit. Da feierten ihre Kinder mit ihnen einen rauschendes Fest und dann noch einmal 25 Jahre darauf zu ihrer Goldenen Hochzeit. Dort waren dann schon ihre Enkelkinder mit anwesend, die für allerhand Überraschungen sorgte.


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